Nieder mit dem Patriarchat!
Männerrituale zwischen Blutrausch und Fankurve
Man hatte ja einiges gehört vom Ekeltheater des Jürgen Gosch, vom skandalösen, barbarischen Blutrausch, von Kot- und Urinschweinereien, von massenhaft davonlaufenden Zuschauern und begeisterten Kritikern. Immerhin war die Düsseldorfer Inszenierung nicht nur zum Berliner Theatertreffen eingeladen, sondern auch zu den Wiener Festwochen, dem Holland Festival und vielen anderen mehr. Und nun wurde Goschs „Macbeth“ bereits zum wiederholten Mal am Münchner Residenztheater gezeigt. Ja, auch hier verließen einige Zuschauer den Theatersaal, aber die früh aufgegebenen Plätze wurden sogleich eingenommen von den Glücklichen unter den zahlreichen Wartenden, die keine reguläre Karte für den Abend ergattern konnten.
Die – auffälligerweise kaum beachtete - Überraschung in Goschs „Macbeth“ ist seine Interpretation des Schlusses der Tragödie. Gosch setzt dem Patriarchat ein Ende. Die Männerherrschaft bringt sich selbst zu Fall, in einem letzten Blutrausch, einem Gemetzel, einem homosozialen, nicht enden wollenden Hassliebeskampf fallen beide, Macbeth und Macduff. Kein Überlebender, kein neuer König. Nur: der König ist tot! Ende der Durchsage.

(c) Foto: Sonja Rothweiler, Düsseldorfer Schauspielhaus
Katharina Thalbach hat in ihrer feministischen Shakespeare-Interpretation am Berliner Schillertheater 1987 noch mit einem Brecht-Wort geendet, als sie sich in der Schlussszene der Krönung des neuen Königs verweigerte: „Wir brauchen keine neuen Herren, sondern keine!“ Gosch geht 2006 einen Schritt weiter. Die Besetzung ist klug gewählt, Ernst Stötzner spielt sowohl den alten König Duncan – dessen Herrschaftsanspruch sich im Sprachgestus dröhnender Deklamation ausdrückt - wie auch den „aufrechten“ Macduff, der zwar seine Familie Macbeths mörderischer Rache überlässt, während er sich selbst nach England in Sicherheit bringt, aber eben auch den Usurpator Macbeth tötet, um – im Originaltext - die Krone an den legitimen Nachfolger zu übergeben. Gosch verweigert diese Instandsetzung patriarchaler Herrschaftsmacht unter dem Deckmantel vermeintlicher Legitimität. Es wäre auch eine erschreckende Vorstellung gewesen, die Macht in den Händen von Duncans Sohn Malcolm zu wissen, denn Duncans Söhne Malcolm (Thomas Wittmann) und Donalbain (Horst Mendroch) werden von Gosch als tumbe, wollmützentragende Toren, eine lachhafte Mischung aus Tweedledum und Tweedledee und einer Karikatur von Gerhard Haderer gezeigt.
Die Düsseldorfer Macbeth-Inszenierung ist radikal, roh, brutal aber durchaus auch klassisch zu nennen, da sie treu ergeben den Shakespeare-Konventionen folgt. Ein siebenköpfiges Männerensemble spielt die mehr als 20 Rollen; Frauen spielen nicht mit, die Frauenrollen werden von den Männern dargestellt. Grandios macht dies beispielsweise Devid Striesow als kettenrauchende, ständig angenervte Lady Macbeth, deren affektiertes Genöle schon wieder die Persiflage einer Drag Queen ist. Das sind keine Frauen, die da agieren, das wird mit jedem Blick und jeder Geste, jedem Zurückwerfen des falschen Haars deutlich: das ist die Konstruktion einer als gefährlich wahrgenommenen Weiblichkeit aus dem Blick eines machtfixierten Patriarchats, das seine je andere, verdrängte Seite, sei es grenzenloser Ehrgeiz, der über Leichen geht, seien es Gewissensbisse, die zur Selbsttötung führen, auf den Körper der Frau projiziert.
Körperlichkeit ist ein anderes Stichwort der Inszenierung: die Darsteller sind überwiegend nackt, nackte Männerkörper, die sich mit Blut und Kot besudeln, dann wieder rein und – kann man es sagen? – jungfräulich erscheinen, nur um sich sofort wieder einzusauen. Das geschieht mal brutal, mal spielerisch, mal durchaus lustvoll. Lust an der Provokation zeigt sich, wenn sich die drei Hexen gegenseitig mit ihrem Kot einschmieren, oder gar genüsslich davon kosten. Aber – das sagen diese Gesten auch: schau, ist doch nur Theater!! Das Blut kommt gut geschüttelt aus der Flasche Theaterblut, der vermeintliche Kot ist leckere Mousse au Chocolat. Ist doch nur Theater sagen auch die Kampfszenen, wenn sich die Männer mit Gummimesser attackieren und großzügig mit dem Theaterblut herumspritzen oder sich die Flasche gleich ganz über dem Schädel entleeren. Aber für den (weiblichen?) Zuschauer wird deutlich, wie fragil die Grenze zwischen Spiel und Ernst ist. Das harmonische Summen eines Männerchors mutiert allmählich in das bedrohlich anmutende Gegröle besoffener Fußballfans, die Körperbilder auf der Bühne erinnern an Bilder der Gewalt und Erniedrigung wie sie uns aus Abu Ghraib oder Guantanamo täglich mit den Nachrichten nach Hause kommen.

(c) Foto: Sonja Rothweiler, Düsseldorfer Schauspielhaus
Durchaus im Shakespeareschen Sinne ist das krasse Nebeneinanderstellen brutaler, derber und komischer Szenen: Horst Mendroch brilliert dabei sowohl in der Pförtnerszene wie auch als Sohn von Macduff. Tragischkomischer Clown in Goschs Inszenierung ist jedoch Devid Striesows Lady Macbeth, die in manchen Szenen direkt aus einem Loriot-Sketch entstiegen sein könnte.
Jürgen Goschs „Macbeth“ ist Futter für jedes Gender-Seminar, seine sieben Darsteller verkörpern ein wahres Panoptikum an Männlichkeiten, quer durch soziale Schichten und Generationen. Männlichkeit zeigt sich dabei durchaus in der totalen Verwüstung und Zerstörung des Bühnenraums, der schon nach wenigen Minuten ein glitschiges Chaos aus Blut, Kot, Wasser und Mehl ist, im Tische zertrümmern oder durch die Luft schleudern; die Hexen sind Wiedergänger von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien Theater, die Inszenierung bedient oft gesehene Klischees (Männer im Pissoir), aber verharrt auch in stillen Momenten, die fast schmerzhaft ausgekostet werden.

Macbeth (Thomas Dannemann) inmitten des Chaos
(c) Foto: Sonja Rothweiler, Düsseldorfer Schauspielhaus
Die Männer sind geschwätzige, proletarische Hausmeister-Pförtner, bauernschlaue Kleinkriminelle, machtbesessene Managertypen, hemdsärmlige Macher, verspielte Jungs, alkoholisierte Hooligans. Das Ensemble zeigt diese Männer wie unter einem Brennglas, mit sympathischer Selbstironie, die die Figuren jedoch nie desavouiert. Die vielleicht schönste und poetischste Szene des Abends verweist jedoch auf ein anderes Männerbild: Sieben nackte Männer stehen im Wald, sind der Wald, halten einen großen, buschigen Laubzweig, zwitschern und tirilieren, imitieren die gesamte Vogelschar inklusive klopfendem Specht. Da klingt der „Eisenhans“ durch, die männliche Selbsterfahrungsgruppe, die Rückkehr und Rückbesinnung auf die männliche Identität, wie sie ähnlich vielschichtig in David Finchers „Fight Club“ durchexerziert wurde. Das Patriarchat ist tot, verkündet dieser „Macbeth“. Und es ist Zeit für die Emanzipation des Mannes. Schön, dass es endlich soweit ist.
“Macbeth” im Düsseldorfer Schauspielhaus